Geschichte

100 Jahre Druckerei Heenemann – die Vorgeschichte

Ort des Geschehens: Das Dorf Deutsch-Wilmersdorf zwischen Grunewald im Westen, Charlottenburg mit dem Kurfürstendamm im Norden und Schöneberg im Osten.

Im Süden lagen noch weitgehend unbebaute Landschaften, darunter der Wilmersdorfer See mit seinem weidenbestandenen Luch und seinen Birkenschlägen. Die heutige Wilhelmsaue war damals die Dorfaue Deutsch-Wilmersdorfs.

Wo die Uhlandstraße begann und nach Norden in das Charlottenburger Zentrum führte, hatte man ein Denkmal für Kaiser Wilhelm aufgestellt. Dies rechtfertigte zwar den feineren Namen Wilhelmsaue, änderte aber nichts daran, dass die Gegend um 1900 eine Insel dörflicher Abgeschiedenheit und Beschaulichkeit war, fern vom großstädtischen Getriebe.

Johannes Friedrich Otto Heenemann, genannt Hans, war ein junger Einwohner Wilmerdorfs. 1874 als Sohn eines Mühlenbesitzers in Wolfenbüttel geboren,war er nach dem Besuch eines Gymnasiums in Rathenow nach Berlin gekommen, wo er bei der Berliner Märkischen Volkszeitung eine Buchdruckerlehre absolvierte. Seine erste Anstellung fand er in der Adressbuchsetzerei des August Scherl Verlags, bei dem u.a. der Berliner Lokal-Anzeiger erschien, eine populäre städtische Tageszeitung.

Hier wurde Hans Heenemann vor eine erste berufliche Herausforderung gestellt: „Es war Anfang der neunziger Jahre. Ich war damals wohlbestallter Geschäftsführer einer Berliner Buch- und Kunstdruckerei und hatte ein für meine Jahre – ich zählte kaum zwanzig Lenze – verantwortungsvolles Amt angetreten. Mein Chef, der damals in Wilmersdorf oft zu Gast war und mit den Honoratioren verkehrte, kam eines Morgens zu mir mit der Eröffnung, dass er in Wilmersdorf eine Zeitung gründen wolle. Seine Frage, ob ich die technische und redaktionelle Leitung im Nebenamt übernehmen wolle,war so formuliert, dass ich diese, um nicht als unbescheiden zu gelten, mit ja beantworten musste.

Ein Goldfinder aus Klondike hätte wahrscheinlich nicht selbstbewusster auftreten können als ich als angehender Scherl für das zu begründende Intelligenzblättchen in Deutsch-Wilmersdorf. Mit einem zu diesem Zweck gedungenen Hundegespann schiffte ich mein Mobiliar unter Mitwirkung von Eltern und Brüdern in den Hafen Wilhelmsaue 110 ein. Hier wurde also mein Feldlager aufgeschlagen, und bald prangte an öffentlichen Litfaß-Säulen – es gab damals 7 oder 9 – die pompöse Ankündigung des wöchentlich zweimal erscheinenden Wilmersdorfer Lokalanzeigers. 6.300 Einwohner hatte Deutsch-Wilmersdorf, und diese gewaltige Einwohnerzahl rechtfertigte die Bedürfnisfrage nach Schaffung einer Zeitung. Langsam träumte ich mich in den Gedanken hinein, es könnte hier auf dem jungfräulich unbeackerten Boden eine Presse entstehen, die in Verbindung mit einer Druckerei wohl in der Lage wäre, den gestellten Anforderungen einigermaßen gerecht zu werden. Es war aber eine Fata Morgana, die erst später, sehr viel später, einen realen Hintergrund fand. Das Allerschlimmste war aber bei dem Wilmersdorfer Zeitungsunternehmen die Spedition.

Kam ich müde und abgespannt nach langer Fahrt (nach Arbeitsende bei Scherl) am Spätnachmittag in Wilmersdorf an, dann kam, nachdem Redaktion, Satz und Druck beendet waren, das Austragen der Zeitung. Das Personal hierfür zu gewinnen war schlechterdings unmöglich, obwohl in meinem Sprachlexikon das Wort unmöglich nicht steht. Die ganze Struktur Wilmersdorfs, die damals noch ländlich war, ließ es nicht zu, ein geeignetes Trägermaterial zu gegewinnen. Nolens volens musste ich dann also, um den 380 Abonnenten die geistige Nahrung nicht vorzuenthalten, mich gemeinsam mit den Brüdern auf die Socken machen und die Zeitung bestellen.“

Wegen Abonnenten- und Kapitalschwund musste die Regionalzeitung nach einigen Monaten wieder eingestellt werden. Hans Heenemann suchte sich ein neues berufliches Betätigungsfeld und wurde Faktor in der Berliner Buchdruckerei Carl O. Thomas. Eines warmen Herbstabends 1901 saß er „im fröhlichen Zecherkreise im Viktoria-Garten, und lebhaft wurde die Frage nach Schaffung einer neuen Zeitung für Wilmersdorf ventiliert. Ich war skeptisch geworden, und trotzdem bestürmte man mich mit dieser Angelegenheit. Schließlich ließ ich mich erweichen. Ich versprach, in einigen Tagen das Projekt auszuarbeiten, und kam nach Ablauf dieser kurzen Frist wieder zum Stammtisch.

Der Kopf der Zeitung, den ich mitbrachte, wurde einer eingehenden Kritik unterzogen, und das Programm fand allgemeinen Beifall. Der erste Einführungsartikel war bereits im Druck fertig, und in der Voraussicht kommender schwerer Arbeitstage hatte ich mein Glas geleert, als plötzlich die Tür sich auftat und ein kleiner, vielleicht siebenjähriger Junge, bewaffnet mit einer großen Zeitungstasche, die Probe-Nummer der heutigen Wilmersdorfer Zeitung, damals Wilmersdorfer Nachrichten benannt, an den Tischen verkaufte. Ich glaube, dass ich nie in meinem ganzen Leben ein dümmeres Gesicht aufgesteckt habe wie anno dazumal. Jedenfalls war mir der Geschmack verleidet und mit dem Wunsch:Wer weiß, wozu es gut ist, flog unsere Versammlung auf.“ (Hans Heenemann)

Unabhängig vom Scheitern des verheißungsvollen Zeitungsprojekts suchte Heenemann neue berufliche Herausforderungen: Schließlich stellte die Witwe Alwine Weber Hans Heenemann 1903 als Geschäftsführer der Buchdruckerei ihres verstorbenen Mannes ein, die sie seit 1897 allein geleitet hatte. Er erhielt das damals ansehnliche Gehalt von 3.000 Mark jährlich und ein Prozent Umsatzbeteiligung. Die Schwester seiner späteren Frau erinnert sich an Heenemanns Eintritt in die Firma ihrer Eltern: „Er kam, sah und siegte auf der ganzen Linie, ein geborener Führer, vor dem sich alles beugte: Kundschaft und Belegschaft, und wir natürlich auch. Es ist mir noch in Erinnerung, wie energisch er den Kunden gegenübertrat, vor denen wir bisher gezittert und ihnen allen Willen getan hatten. Jetzt wurden ihnen Vorschriften gemacht, und wer nicht mitmachen wollte, konnte gehen; so war in kurzer Zeit eine gut zahlende Kundschaft und eine gediegenere Basis des Geschäfts gewonnen. Unser Zusammenleben mit Herrn Heenemann ließ sich ganz angenehm an, wir waren ebenfalls stille, erkannten seine Vormachtstellung an und waren außerhalb des Büros gute Freunde.War es da ein Wunder, wenn einem sieggewohnten Manne, wie Herrn Heenemann auch das Herz seiner stellvertretenden Chefin zufiel, meiner Schwester Trude?“ (Clara Vollmer, geb.Weber) 1904 heiratete Hans Heenemann die Tochter der Besitzerin Gertrud Weber, und am 13. Juli 1906 kam ihr gemeinsamer Sohn Horst zur Welt.

1906 bis 1920

1920 bis 1924

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